Zwischen Ende und Anfang

Abschiede kommen mir selten gelegen. Oft schleichen sie sich leise an, fast unbemerkt, bis sie plötzlich da sind und sich nicht mehr verdrängen lassen. Sie fühlen sich für mich manchmal an wie ein unerwarteter Stich von hinten. Das liegt nicht daran, dass sie wirklich überraschend wären, sondern daran, dass ich sie innerlich gern noch ein Stück hinauszögern würde.
Vor einigen Jahren habe ich in einem Theaterstück mitgewirkt, das sich ein ganzes Jahr lang mit genau diesem Thema beschäftigte: dem Abschiednehmen. Wir setzten uns intensiv damit auseinander und redeten über Trennungen, den Tod und die kleinen Momente des Auseinandergehens im Alltag. Nach den Aufführungen wurde ich oft gefragt, ob mir das Verabschieden dadurch leichter falle. Ich wusste damals keine klare Antwort darauf. Heute habe ich eine und sie fällt ernüchternd aus: Nein, eher nicht.
Gerade in den letzten Wochen meiner Schulzeit spüre ich das besonders deutlich. Je näher das Ende rückt, desto stärker wird eine leise, beständige Melancholie. Es werden mir nicht nur die grossen Dinge fehlen, sondern vor allem die vielen kleinen Selbstverständlichkeiten: der tägliche Weg über die gefühlt tausend Treppen hinauf zur Kanti, die Mensa, der Blick aus dem Mathematikzimmer auf den Wald, die Gespräche zwischendurch, das beiläufige Zusammensein. Und vor allem die Menschen, mit denen all das verbunden ist.
Manchmal denke ich, es wäre einfacher, Abschiede gar nicht erst bewusst zu erleben. Einfach zu gehen, ohne grosses Innehalten, ein stiller Abgang ohne Rückblick. Doch gleichzeitig spüre ich, dass genau darin etwas verloren gehen würde. Also versuche ich, den Moment auszuhalten, auch wenn er schwerfällt, statt ihn zu umgehen.
Denn so unangenehm ein Abschied auch sein mag, er macht sichtbar, was uns wirklich wichtig ist. Der Schmerz des Loslassens steht oft in direktem Verhältnis zu dem Wert, den etwas für uns hatte. Vielleicht ist es gerade dieses Spannungsfeld, das Abschiede so intensiv macht.
Und doch stehen Abschiede nie für sich allein. Sie tragen immer auch einen Anfang in sich, selbst wenn dieser noch unscharf und ungewiss ist. Ende und Neubeginn sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten desselben Moments. Vielleicht fällt es uns deshalb so schwer, Abschiede eindeutig einzuordnen, weil sie gleichzeitig Verlust und Möglichkeit bedeuten.
Dabei verabschieden wir uns nicht nur von Orten oder Menschen. Oft lassen wir auch Vorstellungen los: von der Zukunft, von Sicherheit, von dem Anspruch, alles im Griff zu haben oder alles perfekt machen zu müssen. Unsere Pläne geraten ins Wanken, weil das Leben selten geradlinig verläuft. Oft entstehen neue Wege dort, wo wir sie nicht erwartet haben.
Ein neuer Lebensabschnitt bedeutet deshalb immer auch, sich vom Vertrauten zu lösen. Das kann verunsichern. Wir klammern uns gerne an das, was wir kennen, weil es uns Halt gibt, während die Zukunft noch keine klare Form hat.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Herausforderung: nicht sofort Antworten zu finden, nicht alles verstehen zu müssen, sondern beidem Raum zu geben. Der Wehmut über das, was geht. und der leisen Neugier auf das, was kommt.
Wenn es uns gelingt, diesen Moment weder festhalten noch überspringen zu wollen, sondern ihn einfach stehen zu lassen, dann sind wir vielleicht genau dort angekommen, worum es beim Abschiednehmen geht: zwischen Ende und Anfang.
Emily Lang, 18, ist Schülerin an der Kantonsschule Olten und leb in Däniken.
