Philosophieblues

Eigentlich ist es gar kein Bahnhof. Es ist vielmehr eine Bushaltestelle mit einem Ticketautomaten und nur einem Gleis. Gleich rechts vom Bahnhof befindet sich der Zihlkanal. Mit den industrieartigen Gebäuden und Booten erinnert es fast an einen Hafen. Wir laufen über eine Hauptstrasse bis zur kleinen Oase. Das alte Anwesen Montmirail , ein ehemaliges Internat, hat etwas Geschichtsträchtiges, der Garten ist wunderschön, beinahe kitschig mit dem blühenden Kirschbaum.
Hier wird meine Klasse drei Tage lang philosophieren, Yoga praktizieren, meditieren und Theater spielen. Wir besuchen gemeinsam das Ergänzungsfach Philosophie und das Abschlusswochenende, dessen Thema die Verbindung von Körper und Geist ist, steht bevor.
Zunächst lernen wir die Theorie des Yoga kennen. Yoga ist nämlich nicht nur eine Sportart, sondern vor allem eine Lebenseinstellung, von der wir viel für unseren Alltag lernen können. Es gibt Grundsätze für den Umgang mit anderen Menschen, die Yamas, zu denen beispielsweise Gewaltlosigkeit oder Wahrhaftigkeit gehören, und Grundsätze für den Umgang mit sich selbst, die Niyamas, zu denen beispielsweise Zufriedenheit oder Tapas, ein Enthusiasmus für das, was wir tun, gehören. Ausserdem praktizieren wir Yoga und beschäftigen uns mit bewusster Atmung und Meditation. Meditationen sind Übungen für den Geist, um die Aufmerksamkeit bewusster zu steuern. Sie werden seit Jahrtausenden überliefert.
Zwischen den Theorie- und Praxisblöcken haben wir viel geredet: über das Leben, Probleme und gute Bücher. Die Umgebung bot einen tollen Platz, um spazieren zu gehen, Volleyball zu spielen oder einfach im kleinen Hof zu verweilen.
Wir hatten auch noch einen Input zum Theaterspielen. Wie erzeugen wir Emotionen – echte und gespielte? Müssen wir sie selbst fühlen, um sie spielen zu können? Mithilfe dieser Fähigkeiten erarbeiteten wir kleine Szenen, in denen wir das Gelernte des Wochenendes darstellten und uns gegenseitig präsentierten.
Was mich an solchen Erfahrungen besonders berührt, ist das Gefühl, dass sich das Leben plötzlich öffnet und ich nur ein kleiner Teil davon bin, eingebettet in etwas viel Grösseres. Nach der Dernière sagen wir in Theaterproben jeweils, wir hätten den Theaterblues, das Gefühl, dass uns der Abschluss eines Projekts wehtut und in ein kurzes Loch versetzt. Es bleibt eine Mischung aus Leere, Dankbarkeit und Sehnsucht zurück.
Als wir an den kleinen Bahnhof zurückliefen, kam es uns jedenfalls wie viel länger als drei Tage vor. Wir waren auf der Fahrt alle in unseren eigenen Gedanken und doch miteinander verbunden.
Emily Lang, 18, lebt in Däniken und ist Schülerin an der Kantonsschule Olten.
