Halbgeburtstage und die alte Frau, die in Wirklichkeit jung war

Während wir zwischen den Bäumen hindurchspazieren, glitzert der Schnee im Hardwald. Wir reden darüber, wie Blinde sich wohl die Welt vorstellen. Wir reden gerade viel über Wahrheit, aber gefühlt komme ich ihr kein bisschen näher. Stattdessen entferne ich mich immer weiter. Alles wurde nur noch viel verwirrender in diesen Philosophiestunden über Erkenntnistheorie und ich bin langsam, aber sicher genervt.

Die Wahrheit ist subjektiv und doch allgemeingültig? Das geht doch gar nicht auf.

Wir würden sicher alle zustimmen, dass der Schnee in Olten zwar schön, aber matschig ist oder dass es zu eisig ist, vom Hardwald zum Bahnhof zu laufen. Oder?

Ist das dann gleich Wahrheit? So einfach kann das doch nicht sein.

In der Philosophie lautet eine Definition von Wahrheit etwa so: „Eine Aussage stimmt mit der Realität überein.” Aber was ist dann die Realität? Und so geht der Rattenschwanz weiter, bis in meine hintersten Gehirnzellen. Die haben sowieso keine Ahnung mehr. Die sind nur noch verwirrt.

Manchmal ist mir die Wahrheit aber bekannt. Zum Beispiel weiss ich, dass am Sonntag die Läden geschlossen sind. Aber regelmässig gehe ich trotzdem hin! Dann stehe ich enttäuscht vor der geschlossenen Tür des Volgs und ärgere mich, dass ich mein Wissen nicht wenigstens ein bisschen genutzt habe, bevor ich mit drei Jacken durch die Kälte losstapfte.

Hin und wieder ignoriere ich mein Wissen über die Wahrheit aber auch ganz bewusst. Wenn ich im Winter mit Finken durch den Schnee zum Kompost stapfe, weil ich meine Schuhe nicht anziehen will, auch wenn ich hinterher trockene Socken anziehen muss.

Dass wir die Welt unterschiedlich sehen, ist keine Metapher, sondern manchmal ganz wörtlich gemeint. Es gibt zum Beispiel noch das unbewusste Ignorieren der Wahrheit, zum Beispiel bei optischen Täuschungen.

Die einen sehen auf dem Bild eine alte Frau, die anderen eine junge Frau. Was jetzt? In welche Richtung schaut sie und wie kann es sein, dass wir nicht beide dasselbe sehen? Das gibt’s doch nicht!

Vielleicht sehen wir alle nur unsere eigene Version der Welt. Während sich jemand anderes über den glitzernden Schnee im Hardwald gefreut hat, freut sich ein Kind über den Schneemann, den es bauen kann und ich nerve mich über den Matsch.

Dann gibt es noch die klar unwahren Aussagen, die ganz unbewusst gesagt werden. Ich bin Trainerin und bei uns ist es Tradition, dass die Kinder im Training nach ihrem Geburtstag Kuchen mitbringen.

Ein anderer Trainer sagte mir letztens, dass er auch mal Kuchen mitbringen könnte, wie die Kinder. Aber er hat in einer Zeit Geburtstag, in der wir Trainingspause haben. „Nimm doch deinen Halbgeburtstag”, sagte jemand anderes. „Stimmt, das ist der 31. Februar”, rechnete er stolz. Ein Kind schaute ihn sichtlich verwirrt an. Ich auch. Er sah fragend zurück. „Überleg nochmal”, sagte das Kind. Er überlegte. Dann lachte er.

Emily Lang (18) ist Schülerin an der Kantonsschule Olten und lebt in Däniken.