Die anderen in mir

Kürzlich war ich beim Casting für ein Theaterstück. Wir spielten eine Szene aus dem Film Saltburn von Emerald Fennell. In der Szene, die wir spielten, geht es um zwei Jugendliche: Felix ist ein ziemlicher Chaot, Oliver nervt sich über das Chaos im Zimmer des Chaoten und versucht, aufzuräumen. Beide sind wütend.
Am nächsten Tag hatte ich eine Philosophieprüfung. Es ging es um einen Text, der den Unterschied zwischen Gefühlen und Emotionen beleuchtet. Kurz gesagt: Emotionen sind neurobiologisch erklärbar, Gefühle hingegen nicht. Es ist alles sehr kompliziert.
Mein Lehrer fragte mich, wie ich denn im Theater Emotionen hervorrufe und ich erinnerte mich an die Szene. Zunächst wusste ich nicht genau, wie ich das erklären sollte, denn meistens spiele ich Rollen, ohne gross nachzudenken. Doch dann merkte ich, dass ich einen ganz schönen Ablauf habe. Es beginnt damit, Empathie für die Figur zu empfinden. Wenn das nicht möglich ist, dann zumindest etwas anderes: Ekel, Neid oder einfach, dass die Figur einen so richtig nervt. Damit gehe ich dann weiter. Ich frage mich, wann ich in einer ähnlichen Gefühlssituation wie die Figur war. Ich finde Chaos zum Beispiel genauso störend wie Oliver aus Saltburn. Früher habe ich im Theater immer die Garderobe aufgeräumt, weil ich die offenen Chips-Packungen, die verstreuten Haargummis und die liegengebliebenen Kostüme nicht ertragen konnte. Äusseres Chaos erzeugt für mich inneres Chaos.
Da konnte ich an Olivers Beispiel anknüpfen. Auch wenn ich nie das Zimmer eines Freundes oder einer Freundin aufräumen würde, ohne vorher zu fragen, würde ich die Person vor allem nicht anschnauzen, warum sie es nicht selbst getan hat. Aber Oliver und ich teilen den Ordnungsfimmel. Und selbst wenn ich sonst nichts mit ihm teilen würde, wäre das ein gemeinsamer Nenner. Die andere Figur, Felix, war mir nämlich von Anfang an sehr unsympathisch. Er ist unfreundlich, chaotisch und hält sich selbst für zu cool. Dann gehe ich in das rein, weil ich weiss, dass ich sein Gegenteil gut kenne und die Seiten an mir, die ich sonst anstrengend finde, hervorholen kann. Zum Beispiel meinen kleinen Anteil Chaotin. Dem kann ich dann plötzlich ganz viel Platz lassen.
Ich glaube, darum geht es im Schauspiel: ums Reinversetzen, aber auch ums Entdecken neuer Teile in uns selbst. Wir können jemand sein, den oder die wir sonst nie wären, und wir dürfen uns in das Leben dieser Person hineinversetzen, ohne dabei jemandem auf die Füsse zu treten. Ausserdem macht mich das Schauspiel anfällig dafür, Menschen zu beobachten. Genau wie beim Schreiben geht es nämlich darum, in Alltagsfiguren, in unseren Familien, Freundinnen und Freunden, etwas mehr als unseren Alltag zu erkennen, weil sie schlussendlich auch alle die Protagonistinnen und Protagonisten ihres eigenen Lebens sind.
Emily Lang, 18, lebt in Däniken und ist Schülerin an der Kantonsschule Olten.
